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Podcast: Gastbeitrag: Der Kirchenkreis Emsland-Bentheim und christliche Toleranz

Ein Beitrag von Christina David

Mit dem Beschluss der Landessynode vom 1. Juli 2007 wurde der Kirchenkreis Emsland-Bentheim mit einer knappen Mehrheit von vier Stimmen vom Sprengel Osnabrück in den Sprengel Ostfriesland um gegliedert. Vorausgegangen waren Überlegungen zu den Strukturen der betroffenen Kirchenkreise. Die Anzahl der Sprengel wurde reduziert und die Kirchenkreise wurden neu beheimatet. Der damals kleinste Sprengel der Landeskirche Ostfriesland erfuhr mit Blick auf die Karte um den Kirchenkreis Emsland-Bentheim eine Vergrößerung. Zwar blieben einige Strukturen erhalten jedoch wurden auch lange gewachsene Strukturen aufgelöst. Die Aufsicht für Kirchenmusik sowie die Bauaufsicht liegen noch in Osnabrück.

Der alte Sprengel Ostfriesland und der Kirchenkreis Emsland-Bentheim waren jedoch durch völlig unterschiedliche Identitäten geprägt. In Ostfriesland gibt es einen sehr großen Anteil lutherischer Christen. Der Kirchenkreis Aurich zählt 80% Lutheraner, im Emsland hingegen ist das katholische Bistum Osnabrück mit einer starken Rolle vertreten, so dass die Protestanten hier auf eine Rate von nicht ganz 20% kommen. In der Grafschaft Bentheim befinden  sich die Lutheraner gegenüber den Reformierten in der Minderheit. Diese unterschiedlichen Gegebenheiten seien immer wieder neu ins Gespräch zu bringen, so äußerte sich Superintendent Dr. Bernd Brauer in einem Interview zu den Strukturen des Sprengels Ostfriesland. Die Landesgartenschau in Papenburg 2014 könne ein gutes Beispiel für die besser werdende Zusammenarbeit des Kirchenkreises Emsland-Bentheim mit den angrenzenden Kirchenkreisen in Ostfriesland und dem Bistum werden. Brauer betonte die Wichtigkeit der Änderung des Sprengelnamens in Ostfriesland-Ems. Entsprechende Anträge liegen dem Kirchensenat bereits vor. Es sei deutlich herauszustellen, dass der Kirchenkreis Emsland-Bentheim größer ist als der alte Sprengel Ostfriesland, äußerte der Superintendent. In Deutschland gebe es Landeskirchen in ähnlichen Größen. Der hiesige Sprengel in der aktuellen Ausdehnung sei eigentlich flächenmäßig zu groß.

Hinzu kommt, dass die Lebenswirklichkeit, die Frömmigkeit und allgemeine Fragen im Kirchenkreis Emsland-Bentheim von denen anderer Kirchenkreisen im Sprengel abweichen. Kirchlich kann man sich darauf einlassen, dass der Sprengel im Grunde zweigeteilt ist. Im Kirchenkreis Rhauderfehn gibt es 80% lutherische Christen. Wenn man bei Papenburg die Grenze von Ostfriesland überschreitet fällt die Zahl der lutherischen Christen schlagartig auf 18%. Ein solch starkes Gefälle findet sich neben dem vorwiegend katholisch geprägten Eichsfeld in Thüringen nur hier.

Des Weiteren weist der Sprengel Ostfriesland eine eigene religiöse Identität auf, die durch die Mundart und Kultur (z.B. Bibelfliesen, Teekultur) stark geprägt wurden. Die Ostfriesen seien ein „eigenes Völkchen“, was historisch bedingt sei, so Brauer. Aurich entwickelte sein starkes Luthertum vor allem in der Zeit, als es Teil von Preußen war. Lingen gehörte ebenfalls zu Preußen, so dass man auch dort eine relativ starke evangelisch-lutherische  Position wiederfindet.

Die Reformierte Kirche hingegen hat ihren Hauptsitz in Leer und ist dort deutschlandweiter Ansprechpartner.

„Wir leben Toleranz im Grunde schon dadurch, dass wir ökumenisch alles gut vernetzen“, beschreibt der Superintendent die aktuelle Situation. In Meppen gibt es eine ökumenische Pfarrkonferenz in der alle ansässigen Konfessionen aufeinander zugehen, Themen absprechen und koordinieren. Ergebnis dieser Arbeit ist unter anderem der  Pfingstmontagsgottesdienst auf dem Marktplatz in Meppen, der in jedem Jahr ökumenisch abgehalten wird. Eine aktuelle Herausforderung ist die neue Friedhofslandschaft, für die das Gremium sich einsetzt.

Ein weiterer Bereich der Toleranz, ist die innere- oder auch Ambiguitätstoleranz. Das Gegenteil hierzu ist die äußere Toleranz und zeigt sich in der Duldsamkeit und Gelassenheit gegenüber andern Menschen. Eine Institution muss, ähnlich wie jedes Individuum lernen, dass sich vieles nicht planen lässt. Mit der Zukunftsperspektive der Kirche lässt es sich nicht arbeiten. Es werden weniger Mitglieder und weniger Geld prophezeit. „ Man kann nicht für alles Sicherheiten herstellen“, äußerte sich Brauer hierzu. „Auch eine Einrichtung wie der Kirchenkreis kann nicht wissen, wie in vielen Jahren die Finanzentwicklung sein wird und aus lauter Angst, sollte man weder sparen noch am Geld festhalten.“ Man müsse lernen, mit den Unsicherheiten des Lebens zu leben, wir müssen eine Ambiguitätstoleranz entwickeln. Es gehe darum, Unsicherheit hinzunehmen und zu akzeptieren.

Historisch ist diese innere Toleranz der lutherischen Christen im Emsland auch an andere Parameter gebunden. Es handelte sich bei den meisten Protestanten um Flüchtlinge. Seit Ende der vierziger Jahre organisierten sie sich in Flüchtlingsgemeinden. Für die heutige Generation ist Toleranz ein selbstverständlicher Wert. Das ökumenische Miteinander ist normal und die Frontstellung von Protestanten und Katholiken werden nur noch in einzelnen Fällen sichtbar.

Aber auch die christliche Toleranz trifft auf ihre Grenzen, wenn es um die Menschenwürde geht. Dazu äußerte sich Brauer wie folgt: „Wir müssen Probleme deutliche benennen. Beim Miteinander der Religionen gibt es bestimmte Grenzen. Zum Beispiel bei der Sonntagsheiligung. Wie kompromissbereit ist man dort? Den Stand von 1950 werden wir nicht wieder erreichen, wenn dies auch wünschenswert ist. Der Mensch braucht aber die Ruhe.  Auch komme ich ins Nachdenken, wenn es um unsere muslimischen Schwestern und Brüder geht. Wir müssen ihnen zwar das Ankommen ermöglichen, aber es gibt auch dort klare Grenzen.“ Der Superintendent sprach sich klar gegen die Integration der islamischen Rechtsprechung in unser Grundgesetz aus. Außerdem seien Ehrenmorde nicht hinzunehmen und zu verurteilen.

Die Frage der Toleranz hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Wenn es früher um die Akzeptanz verschiedener Konfessionen ging, stehen wir heute ganz anderen Religionen gegenüber. Die Problematik hat sich also verlagert. Jedoch lasse sich auch die konfessionelle Toleranz noch weiter ausweiten, so Brauer. Er wünsche sich in Zukunft eine breitere Gesprächsbasis in Sachen „konfessionsübergreifende Ehe“. Einzelfälle seinen immer wieder eine Enttäuschung.

 

Christina David ist freie Mitarbeiterin der Meppener Tagespost, des Kirchenboten und der Zeitschrift "Use Land und Lüü".

 

Als Grundlage diente neben eigenen Recherchen ein Interview zum Thema „Reformation und Toleranz“ mit Superintendent Dr. Bernd Brauer.

 

 

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